[Pressemitteilung] Welternährung braucht Weidelandschaften - Ergebnisse der DEAB-Herbstkonferenz am Welternährungstag mit internationalen Gästen

Wie können wir weltweit Ernährung sichern, Bäuerinnen und Nomadinnen stärken, biologische Vielfalt schützen und den Herausforderungen des Klimawandels begegnen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die diesjährige Herbstkonferenz des „DEAB - Dachverband für globale Gerechtigkeit Baden-Württemberg“ e.V. am Welternährungstag mit internationalen Gästen, gemeinsam veranstaltet mit der Universität Hohenheim, dem BUND Landesverband Baden-Württemberg e.V. und dem LandFrauenverband Württemberg-Baden e.V. Die zentrale Botschaft: Weidehaltung braucht mehr Anerkennung, Schutz und verlässliche Förderung in Baden-Württemberg und weltweit.

 

Stuttgart, 21. Oktober 2026. „Ob Mongolei, Burkina Faso oder Allgäu – Weiden sichern die Lebensgrundlagen von Millionen Menschen weltweit. Doch ihr Potenzial wird stark unterschätzt. Angesichts des steigenden globalen Hungers und der enormen Bedeutung der Weidehaltung für Ernährung, Klima, Biodiversität und Kulturlandschaft kamen Vertreter*innen aus Wissenschaft, Naturschutz, Politik und Praxis am Welternährungstag zusammen, um sich auf der World Food Day Conference / DEAB-Herbstkonferenz auszutauschen. Unter dem Titel „Global denken – lokal weiden“ diskutierten sie im Schloss der Universität Hohenheim, wie Weidewirtschaft gestärkt und ihre ökologischen und sozialen Leistungen besser anerkannt werden können. Die Konferenz würdigte damit auch das Internationale Jahr der Weiden und Hirt*innen sowie das UN-Jahr der Bäuerinnen.

Weltweiter Hunger nimmt wieder zu

 „Der Welthunger-Index 2026 bestätigt eine alarmierende Trendwende: Nach fast zwei Jahrzehnten deutlicher Fortschritte hat der weltweite Hunger seit 2018 wieder zugenommen“, sagte Mathias Mogge, Welthungerhilfe. „Wer heute bei der Überwindung des Hungers und der Krisenvorsorge spart, riskiert morgen noch größere humanitäre Katastrophen und weitere Instabilität.“

Blick auf Weidehaltungen weltweit

Wie eng Weidewirtschaft und Ernährungssicherheit miteinander verbunden sind, zeigte der Blick auf unterschiedliche Regionen der Welt. Badamsuren Ailtgui, Nomadin aus der Mongolei, beschrieb die aktuellen Herausforderungen: Die nomadische Tierhaltung ist nach wie vor die Grundlage des mongolischen Lebens. Heute herrschen jedoch oft Dürren und Kältekatastrophen aufgrund des Klimawandels. Außerdem nehmen Bergbauprojekte zu. „Je größer deren Lizenzflächen werden, desto knapper und schlechter werden die Weiden“.

Dr. Viviane Yameogo, Universität Hohenheim, erläuterte am Beispiel ihres Heimatlandes Burkina Faso die große Bedeutung des Pastoralismus in afrikanischen Ländern. Die Ernährung von Kindern hänge oft ab von der Milch einer Kuh, so die Wissenschaftlerin. Zahlreiche Berufsstände, darunter Handel, Verarbeitung und Transport, seien auf die Weidehaltung angewiesen. Auch die Ackerbauern haben Vorteile, da der Dung der Weidetiere die Bodenfruchtbarkeit verbessert. Dabei sei Pastoralismus nicht möglich ohne die Frauen, die wichtige Aufgaben in der Betreuung der Tiere übernehmen und damit das System stabilisieren.

Mit Blick auf den Naturschutz und den Erhalt von Kulturlandschaften betonte Martin Bachhofer, BUND Landesverband BW: „Die Wirkungen einer ökologischen Weidewirtschaft auf die Artenvielfalt sind kaum zu überschätzen.“ Prof. Johannes Isselstein, Universität Göttingen, bestätigte: „Grasland spielt eine entscheidende Rolle für die Artenvielfalt in Agrarlandschaften“. Diese seien eng mit der Weidehaltung von Nutztieren und der Vielfalt der grasbasierten Tierhaltung verbunden. Je intensiver die Weidewirtschaft, desto geringer die Biodiversität. Karin Rau, LandFrauenverband Württemberg-Baden, sagte: „Viele Flächen weltweit sind nur durch Beweidung nutzbar und zu erhalten in der jetzigen Form als Kulturlandschaft.“

Ernährungssouveränität und Schutz der Weiden beginnt vor Ort

Wie schwierig die Situation in Baden-Württemberg ist, verdeutlichte Martin Bachhofer mit einer Zahl: Nur etwa 25 Prozent der Milchkühe im Land hätten Zugang zu Weiden. Als ein wesentliches Problem benannte er die unzureichende Förderung. „In Europa stehen genau die Agrarsubventionen auf der Kippe, die für eine ökologische Weidewirtschaft besonders wichtig sind.“ Die Tendenz gehe aktuell wieder in Richtung der althergebrachten Flächenprämien, die allein die ganz großen Betriebe begünstigten.

Nachhaltige Ernährungspolitik muss regionale und globale Perspektiven verbinden. Ernährungssouveränität ist dabei ein wichtiges Ziel, so Dr. Gunne Guntsetseg, DEAB. „Dass dieses Thema politisch an Bedeutung gewinnt, zeigt der Koalitionsvertrag der Landesregierung: Er sieht vor, Ernährungssouveränität in der Landesverfassung zu verankern.“ Dabei sei es für den DEAB wichtig, die globale Perspektive einzunehmen. Für Sabine Scherb, KreisLandFrauenverband Ehingen, beginnt Ernährungssicherheit in der Bildung. „Nur wer gelernt hat, was gute und gesunde Lebensmittel sind, kann sich bewusst ernähren.“

Dr. Andre Baumann, Staatssekretär im Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft BW: „Ernährungssouveränität bedeutet das Recht auf gesunde, selbstbestimmte und umweltverträgliche Nahrung. Auch in Baden-Württemberg nimmt Ernährungssouveränität einen wichtigen Platz ein. Angesichts zunehmender Trockenheit und extremer Wetterlagen muss der Schutz des Klimas und der Erhalt der Biodiversität untrennbar mit unserer Landwirtschaft verbunden sein. Das Umweltministerium setzt sich daher dafür ein, dass Baden-Württembergs Ausgestaltung des Begriffs Ernährungssouveränität beide Aspekte konsequent berücksichtigt."

Staatssekretärin Sarah Schweizer, Ministerium für Ländlichen Raum, Landwirtschaft und Heimat BW, betonte mit Blick auf die Weidehaltung, dass der zusätzliche Aufwand für die Betriebe finanziell anerkannt werden müsse: „Als Land setzen wir uns deshalb auch auf europäischer Ebene dafür ein, dass der entstehende Mehraufwand für unsere Höfe auch finanziell honoriert wird.“

Martina Braun, MdL (Grüne), machte deutlich, dass die Landesregierung mit der Anfang 2024 eingeführten Verwaltungsvorschrift Kantine das Ziel verfolgt, den Anteil regionaler und bio-regionaler Lebensmittel in Landeskantinen bis 2030 auf 40 Prozent zu erhöhen. Auch Hochschulen sollen dabei einbezogen werden.

Niklas Nüssle, MdL (Grüne): „Europäische und internationale Kooperation muss dazu beitragen, Ernährungssouveränität zu stärken, regionale Landwirtschaft zu fördern und Menschen weltweit in die Lage zu versetzen, ihre Ernährungssysteme selbstbestimmt und zukunftsfähig zu gestalten.“

Zentrale Forderungen

Aus der Konferenz ergibt sich eine klare Botschaft: Wer nachhaltige Ernährungssysteme und ökologische Landwirtschaft weltweit stärken will, muss auch vor der eigenen Haustür handeln. Weidewirtschaft und Ernährungssouveränität müssen in Forschung, Bildung und politischen Entscheidungen stärker berücksichtigt werden. Zugleich braucht es Förderbedingungen, die eine vielfältige, naturnahe Bewirtschaftung dauerhaft ermöglichen.

Zu den zentralen Forderungen aus den Diskussionen und Workshops gehören:

  • Weidehaltung verlässlich fördern: Die Weideprämie soll erhöht und die Förderrichtlinien sollen so überarbeitet werden, dass sich ökologische Weidewirtschaft langfristig wirtschaftlich tragen kann.
  • Artenreiche Weiden erhalten: Eine angepasste Bewirtschaftung muss extensiv sein und damit die biologische Vielfalt fördern.
  • Wasser in der Landschaft halten: Feuchte oder wiedervernässte Weiden können Wasser zurückhalten und in Trockenzeiten langsam an ihre Umgebung abgeben. Dafür sollen mehr Flächen wiedervernässt und Flussauen renaturiert werden.
  • Weidewirtschaft in Bildung und Forschung stärken: Die Bedeutung lokaler und internationaler Weidesysteme für Ernährungssicherheit und Ökosysteme muss stärker vermittelt und wissenschaftlich untersucht werden.
  • Regionale und nachhaltige Ernährung unterstützen: Ernährungsbildung, die öffentliche Gemeinschaftsverpflegung und der Absatz regionaler sowie bio-regionaler Lebensmittel sollen weiter gestärkt werden.

Der DEAB setzt sich dafür ein, globale Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung zusammenzudenken. Die Herbstkonferenz hat gezeigt, dass Weidelandschaften dabei eine wichtige Rolle spielen können – vorausgesetzt, die Menschen, die sie bewirtschaften, erhalten die notwendige Anerkennung und Unterstützung.

 

Fotos: Fotos der Konferenz sowie von einer Weidelandschaft in der Mongolei stehen auf der Website des DEAB im Rahmen der Berichterstattung für Sie zum Download bereit (www.deab.de/news/details/pressefotos-zur-herbstkonferenz-2026/). Fotos: Sukhee

Ansprechpartnerin: Dr. Gunne Dolgor Guntsetseg, Co-Geschäftsführerin des DEAB, Netzwerkkoordinatorin des Eine Welt-Promotor*innen Programms in Baden-Württemberg (guntsetseg@deab.de), Tel. 0711 6648 7360

Das ist der DEAB: 180 entwicklungspolitische Organisationen und Netzwerke in Baden-Württemberg, insgesamt über 400 Gruppen und Organisationen, bilden den DEB - Dachverband für globale Gerechtigkeit Baden-Württemberg e.V. (DEAB). Zentrale Aufgaben des 1975 gegründeten Dachverbands sind die Förderung seiner Mitglieder und die politische Vertretung ihrer Anliegen gegenüber Politik und Öffentlichkeit. Darüber hinaus ist der DEAB Ansprechpartner für Fragen, Anliegen und Themen im Bereich Eine Welt und Entwicklungspolitik. Der DEAB ist Herausgeber des Journals Südzeit und Träger des Eine Welt-Promotor*innen-Programms sowie des Interkulturellen Promotor*innen-Programms. Information: www.deab.de

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