Globales Lernen – früher, besser, umfassender

von Sigrid Schell-Straub, Leiterin des Programms „Bildung trifft Entwicklung“ im EPiZ

Alle, die im Sinne Globalen Lernens in Praxis und Theorie unterwegs sind, eint die Vision von einem Leben in einer human gestalteten Weltgesellschaft – überall auf der Welt, jetzt und in Zukunft.

Täglich wird uns vor Augen geführt, dass die Menschen in Zeiten der Globalisierung vor großen Herausforderungen stehen: die Überwindung der Kluft zwischen Reich und Arm, Wirtschafts- und Finanzkrisen, Klimawandel, Verlust der Biodiversität, Bedrohung der internationalen Sicherheit – die Liste ließe sich fortsetzen. In vielen internationalen, nationalen und regionalen Beschlüssen der letzten Jahrzehnte wurden deshalb Ziele, Aktionspläne und konkrete Maßnahmen formuliert, die zur Bewältigung der Probleme im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung in allen Teilen der Welt beitragen sollen. Soziale Gerechtigkeit, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, ökologische Verträglichkeit und demokratische Politikgestaltung sind dabei Zieldimensionen, die miteinander in Beziehung stehen und in Balance zu bringen sind. Weitere Dimensionen wie friedliche Konfliktlösung, kulturelle Selbstbestimmung, Chancengleichheit und Inklusion sind eng damit verbunden.

Globales Lernen sucht und gibt pädagogische Antworten auf die Erfordernisse einer nachhaltigen Entwicklung der Weltgesellschaft als die notwendige Transformation pädagogischen Denkens und Handelns im Kontext einer sich globalisierenden Weltgesellschaft (vgl. www.globaleslernen.de). Globales Lernen kann somit als ein konstituierendes Element der Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) betrachtet werden. Bildung für alle, Soziales Lernen, Interkulturelles Lernen, Friedenspädagogik, Inklusives Lernen und Lebenslanges Lernen sind Beispiele weiterer pädagogischer Ansätze, die mit Globalem Lernen in Verbindung gebracht werden – zur Orientierung bzgl. vielfältiger Perspektiven und Diskurse siehe Handlexikon Globales Lernen (Lang-Wojtasik/Klemm 2012)

Das Leben im 21. Jahrhundert in unserem oft zitierten „globalen Dorf“ ist aber geprägt von neuen Chancen. Viele Menschen sind sich durch neue Kommunikationsmöglichkeiten näher gekommen. Durch zunehmende Mobilität und Migration erleben wir eine Bereicherung durch die Vielfalt der Kulturen, Einstellungen und Werte. Das Leben im globalen Dorf kann dadurch Genuss, Freude, Freundschaften und Solidarität bedeuten. Diese positiven Entwicklungen gilt es zu erkennen und als Chance für Lernprozesse des Globalen Lernens zu begreifen, um im pädagogischen Alltag ein Gegengewicht zu den oft überwältigenden, komplexen und verwobenen Problemen zu bilden.

Bezogen auf die pädagogische Praxis in Schulen sind wesentliche „Zutaten“ für gelingende Lernprozesse im Globalen Lernen:

  • Orientierung an den Interessen und Erfahrungen der Lernenden in Verbindung mit globalen Zusammenhängen,
  • Reflektierte Werteorientierung unter Beachtung der Kriterien der politischen Bildung, wie sie im „Beutelsbacher Konsens“ (1976), ergänzt durch den „Birkacher Konsens“ (2011), als Regeln zur pädagogischen Praxis festgeschrieben sind,
  • Vermitteln von Kompetenzen in den Dimensionen „Erkennen, Bewerten, Handeln“, wie sie im Orientierungsrahmen für Globale Entwicklung (BMZ/KMK 2007) formuliert sind,
  • Partizipative, ganzheitliche Lernformen im Sinne einer neuen Lernkultur, die kritisches Denken, Dialog und Kreativität fördern.

Bezogen auf die Bildungslandschaft im schulischen Kontext in Baden-Württemberg finden sich konkrete Bezugspunkte:

  • Globales Lernen ist im Koalitionsvertrag der Landesregierung verankert und wesentlicher Bestandteil der Vorschläge zu den neuen Entwicklungspolitischen Leitlinien des Landes.
  • Die Bildungspläne bieten bereits jetzt in allen Fächern/Fächerverbünden und Schularten zahlreiche Anknüpfungspunkte für Globales Lernen und BNE (2.152 Zitate, siehe www.bne-kompass.de/download/)
  • Globales Lernen kann besonders in Schulentwicklungsprozessen und in Gemeinschaftsschulen verankert werden.
  • Außerschulische Partner unterstützen die Schulen kompetent durch ihre auf die Bildungspläne abgestimmten Angebote (siehe www.bne-kompass.de).

Bei allem Respekt vor der Komplexität der Materie und noch mangelnden Ressourcen gibt dies Anlass zur Hoffnung, Globales Lernen früher, besser und umfassender in unserem Bildungssystem umzusetzen und in den Schulen zu verankern. Damit verbindet sich der Wunsch, mehr Menschen motivieren zu können, sich als aktive „global citizens“ für eine lebenswerte Zukunft für alle Menschen zu engagieren.